So wird KI unsere Gesellschaft verändern
Die neuen Systeme zu kontrollieren, ist unser aller Verantwortung – bevor es zu spät ist.
Vielleicht sind Mustafa Suleymans Bedenken über die Nachteile von KI gerade deshalb so bedeutend, weil er selbst an der Spitze der KI-Innovation stand. Der Mitgründer des KI-Pioniers DeepMind, jetzt ein Teil von Alphabet, zeigt sich zunehmend besorgt über die unvorhersehbaren Konsequenzen, wenn Unternehmen und Staaten zu lange zögern, die neuen Systeme zu kontrollieren. Suleyman erklärt, warum die Welt dringend eine bessere KI-Gesetzgebung benötigt.
Mustafa Suleyman, Mitgründer von DeepMind und CEO von Microsoft AI auf die Frage:
„Steht uns eine Wiedergeburt der Maschinenstürmer bevor?„
„Ein Hauptargument meinerseits ist, dass wir einer solchen neo-luddistischen Bewegung den Wind aus den Segeln nehmen müssen. Die ursprünglichen Ludditen reagierten auf das Versagen der Technologie. Die Nutzer und Erfinder vernachlässigten die unmittelbaren sozialen und politischen Folgen, sodass viele Menschen ihre Lebensgrundlage verloren. Ihre Welt brach innerhalb weniger Jahre zusammen. Langfristig jedoch lebten die Nachkommen dieser Aufständischen viel wohlhabender und komfortabler. Dies war bisher die historische Norm für Technologien: Menschen entwickeln und nutzen sie, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Also lautet die Lehre für uns, dass wir so etwas von vornherein vermeiden sollten. Wir müssen sicherstellen, dass KI und verwandte leistungsstarke Technologien sowohl nützlich als auch kontrolliert sind.“
Sie argumentieren, dass wir KI eindämmen müssen, um potenziell katastrophale Folgen zu vermeiden. Wie sieht das konkret aus?
„Die Diskussion über Technologie ist zwar explodiert, aber es fehlt noch immer ein einheitlicher Ansatz, diese rasant wachsenden neuen Kräfte zu verstehen, zu begrenzen und zu kontrollieren: ein grundlegendes Konzept für eine grundlegende Revolution. Dazu braucht es Eindämmung. Nur so können wir die mächtigste Technologie aller Zeiten unter Kontrolle halten, während sie sich mit hoher Geschwindigkeit ausbreitet. Ich spreche von einer übergreifenden Sperre: Sie vereint modernste Ingenieurkunst, ethische Werte, staatliche Regulierung und internationale Zusammenarbeit – als ein schwer fassbares Fundament für unsere Zukunft.“
Was stimmt Sie optimistisch, dass Politiker, Bürger und Tech-Unternehmen zu einer Einigung kommen?
„Die Herausforderung ist enorm. Kein Element dieser Eindämmung ist einfach oder hat offensichtliche Vorbilder. Tatsächlich wurde Technologie historisch nie eingedämmt. Von Steinwerkzeugen bis zur Druckerpresse, vom Feuer bis zur Elektrizität hat sie sich immer überallhin verbreitet und sich schnell verbessert. Darüber hinaus sind die Entwicklungsanreize heute immens: geopolitische Konkurrenz, enormer Kommerz, eine offene Forschungskultur… Versuchen Sie mal, all das aufzuhalten. Es scheint fast unmöglich, aber wir müssen es möglich machen, zum Wohle der gesamten Menschheit.“
Was können Einzelpersonen tun, um diese kommende Welle abzufangen?
„Es gibt zehn Schritte zur Eindämmung, die auf vielen verschiedenen Ebenen funktionieren. Das schafft viel Raum, um sich zu beteiligen. Eindämmung wird nur dann gut funktionieren, wenn sich jeder daran beteiligt und eine globale Bewegung dafür entsteht. Denken Sie an den Klimawandel: Erst als das für gewöhnliche Menschen zur Priorität wurde, gab es nennenswerte Reaktionen. Unternehmen und Regierungen, die es sonst ignoriert hätten, waren nun zum Handeln gezwungen.“
10 Barrieren für KI
- Ein Apollo-Programm für technische KI-Sicherheit aufsetzen
- Audits für transparente und verantwortbare KI-Modelle einführen
- Hardware-Engpässe nutzen, um Gesetzgebern und Abwehrtechnologien Zeit zu verschaffen
- Kritiker von Anfang an bei der Entwicklung neuer KI-Modelle einbinden
- KI-Entwickler von Zielen leiten lassen, nicht von Profit
- Regierungen mit KI-Wissen versorgen, damit sie Technologien regulieren und Eindämmungen verordnen können
- Internationale Abkommen schließen, um die Verbreitung der gefährlichsten KI-Fähigkeiten zu stoppen
- Erkenntnisse und Fehler teilen, um schnelle Antworten auf brennende Fragen zur KI-Entwicklung und Eindämmung zu finden
- Eine Massenbewegung schaffen, die KI versteht und die nötigen Kontrollmechanismen fordert
- Keine Verzögerungstaktik fahren, sondern ein neues, einigermaßen stabiles Gleichgewicht anstreben
Was sollten CEOs tun,die hin- und hergerissen sind?
„Unternehmen werden hier eine entscheidende Rolle spielen, sie entwickeln die meisten hochmodernen KI-Systeme. Diese wiederum reagieren auf Marktanreize oder die Erwartungen ihrer Aktionäre, die einer Eindämmung häufig entgegenwirken. Können CEOs die Quadratur des Kreises schaffen? Können sie ihre Organisationen neu denken und verändern, um auf vielfältigere Anreize zu reagieren? Können sie KI eindämmen und dem unerbittlichen Wachstum gelegentlich Einhalt gebieten? Das ist viel verlangt und war bislang unglaublich schwer durchzusetzen. Aber gleichzeitig ist es etwas, was wir absolut brauchen. Wir brauchen Unternehmen, bei denen eine Kultur der Eindämmung in jedem Bereich ihrer Betriebsführung verankert ist. Wenn CEOs diese neue Generation verantwortungsbewusster Unternehmensstrukturen zur Chefsache machen, wäre das ein großer Fortschritt.“
Die Welt starrt auf generative KI.
Gibt es etwas, das wir übersehen oder dem wir nicht ausreichend Aufmerksamkeit schenken?
„Ja, eine ganze Menge, die zwar nicht unter dem Radar bleibt, aber dennoch nicht die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdient. Zum einen denke ich, dass Biotechnologie, insbesondere synthetische Biologie, eine beeindruckende Geschichte schreibt, die nur einen Bruchteil der Aufmerksamkeit von KI erhält. Intelligenz ist fundamental, das körperliche, biologische Leben aber auch!
Wir manipulieren jetzt beides, was ein außergewöhnlicher Schritt ist. Wie KI wird auch die synthetische Biologie immer leistungsstärker und billiger. Die Kosten für die Sequenzierung von DNA sind in den letzten Jahrzehnten dramatisch gesunken: Sie können jetzt ein menschliches Genom für ein paar Hundert US-Dollar sequenzieren. Vor 20 Jahren kostete das mehr als eine Milliarde. Und dabei geht es darum, den Code des Lebens neu zu schreiben. Das macht es zu einer grundlegenden Technik, ähnlich wie KI und eine Handvoll anderer Technologien. So wie KI wird deshalb in den nächsten fünf bis zehn Jahren auch die synthetische Biologie die Schlagzeilen beherrschen.“